Kontroverse Podiumsdebatte zur «Keine-10-Millionen-Schweiz»-Initiative: Wirtschaft, Fachkräfte und bilateraler Weg im Fokus

Wie soll die Schweiz künftig mit Bevölkerungswachstum, Fachkräftemangel und dem Druck auf Wohnraum und Infrastruktur umgehen – und welche Folgen hätte ein starrer Bevölkerungsdeckel? Diese Fragen standen im Zentrum des Anlasses der Zürcher Handelskammer vom 18. Mai zur Volksinitiative «Keine-10-Millionen-Schweiz». Vor rund 250 Gästen diskutierten Bundesrat Beat Jans sowie Vertreterinnen und Vertreter aus der Politik kontrovers über die Abstimmungsvorlage vom 14. Juni 2026.

Zum Auftakt der Veranstaltung betonte Raphaël Tschanz, Direktor der Zürcher Handelskammer, die Bedeutung einer sachlichen und differenzierten Debatte zur Vorlage. Die Abstimmung berühre zentrale Fragen zur zukünftigen Entwicklung des Landes: «Wie wollen wir künftig leben, arbeiten und wachsen? Wie sichern wir Wohlstand, Innovationskraft und Lebensqualität?» Gleichzeitig seien die Sorgen vieler Menschen bezüglich Wohnungsknappheit, Infrastrukturbelastung oder wachsendem Druck auf den Verkehr real und ernst zu nehmen. Aus Sicht der Zürcher Handelskammer gehe die Initiative jedoch in die falsche Richtung. Die wirtschaftliche Stärke der Schweiz beruhe wesentlich auf Offenheit, internationaler Vernetzung und dem Zugang zu qualifizierten Arbeitskräften – gerade auch mit Blick auf die demografische Alterung und den steigenden Fachkräftebedarf.

Bundesrat Jans warnt vor Risiken für Wohlstand und Versorgungssicherheit

Bundesrat Beat Jans stellte anschliessend die Haltung von Bundesrat und Parlament vor: Beide lehnen die Initiative ab. Er begründete die Ablehnung des Bundesrats mit drei zentralen Argumenten: Die Vorlage sei ein «leeres Versprechen», gefährde den bilateralen Weg mit Europa und verschärfe den bestehenden Fachkräftemangel. Ein Bevölkerungsdeckel löse weder Wohnungsknappheit noch Verkehrsprobleme oder Belastungen der Infrastruktur, schaffe jedoch neue Unsicherheiten für Wirtschaft und Gesellschaft.

Besonders kritisch bewertete Jans die möglichen Folgen für die Beziehungen zur Europäischen Union und die Personenfreizügigkeit. Die Initiative gefährde den bewährten bilateralen Weg ausgerechnet in einer geopolitisch unsicheren Zeit. Gleichzeitig warnte er vor den Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Versorgungssicherheit in zentralen Bereichen wie Gesundheitswesen, Pflege oder Bauwirtschaft. «Die Schweiz verträgt so viel Zuwanderung, wie sie braucht, damit die Schweiz funktioniert», erklärte der Bundesrat mit Verweis auf die Bedeutung ausländischer Arbeitskräfte für zahlreiche Branchen.

Bilaterale Verträge und Fachkräftebedarf im Zentrum der Diskussion

In der anschliessenden kontradiktorischen Podiumsdiskussion debattierten Corina Gredig (Nationalrätin GLP), Regine Sauter (Nationalrätin FDP), Marcel Dettling (Nationalrat SVP) und Domenik Ledergerber (Kantonsrat SVP, Präsident SVP Kanton Zürich) engagiert über Chancen und Risiken der Vorlage. Im Zentrum standen Fragen zur wirtschaftlichen Entwicklung der Schweiz, zur Rolle der Zuwanderung sowie zu den Folgen eines möglichen Bevölkerungsdeckels.

Während Regine Sauter und Corina Gredig die wirtschaftlichen Erfolge der Schweiz, die Bedeutung der Personenfreizügigkeit und die hohe Erwerbsbeteiligung von Zuwanderinnen und Zuwanderern hervorhoben, warnten Marcel Dettling und Domenik Ledergerber vor den aus ihrer Sicht zunehmenden Belastungen durch das Bevölkerungswachstum. Die Schweiz könne das heutige Wachstum nicht unbegrenzt fortsetzen, argumentierten sie, und forderten insbesondere im Asylbereich Einschränkungen.

Reale Herausforderungen, unterschiedliche Lösungsansätze

Mehrfach diskutiert wurde die Frage, wie die Versorgung mit Fachkräften künftig sichergestellt werden könne. Gegner der Initiative warnten vor gravierenden Folgen für Gesundheitswesen, Pflege, Bauwirtschaft und KMU, sollte die Vorlage angenommen werden. Die Befürworter hielten dagegen, die Schweiz müsse stärker auf inländisches Arbeitskräftepotenzial setzen und die Zuwanderung gezielter steuern.

Kontrovers diskutiert wurden zudem die Auswirkungen der Initiative auf die bilateralen Verträge, die Zusammenarbeit mit Europa sowie auf Sicherheit, Asylpolitik und wirtschaftliche Stabilität. Einigkeit bestand darüber, dass Herausforderungen wie Wohnungsknappheit, Infrastrukturbelastung und Fachkräftemangel ernst genommen werden müssen. Umstritten blieb hingegen die Frage, ob die Initiative dafür wirksame Lösungen bietet.

Der Anlass zeigte deutlich: Die Volksinitiative «Keine-10-Millionen-Schweiz» bewegt Politik, Wirtschaft und Bevölkerung gleichermassen. In seinem Schlusswort hielt Raphaël Tschanz fest, dass die Initiative aus Sicht der Zürcher Handelskammer keine überzeugenden Antworten auf bestehende Herausforderungen liefere. Ein starrer Bevölkerungsdeckel würde den Zugang zu dringend benötigten Fachkräften erschweren, den bewährten bilateralen Weg mit Europa gefährden und damit den Wohlstand der Schweiz aufs Spiel setzen. Gleichzeitig brauche es für Herausforderungen wie Wohnungsknappheit oder den Druck auf die Infrastruktur konkrete und wirksame Lösungen.

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