Wohnungsmarkt im Städtevergleich: Welche Rahmenbedingungen schaffen mehr Wohnraum?

Steigende Mieten, knapper Wohnraum und unterschiedliche politische Rezepte prägen die wohnpolitische Diskussion – auch im Kanton Zürich. Kurz vor den Abstimmungen über die Wohnschutz- und die Wohnungs-Initiative stellte die Zürcher Handelskammer an einem Frühstücksevent vom 27. Mai der Frage in den Fokus, wie sich unterschiedliche Regulierungen auf den Wohnungsmarkt auswirken. Grundlage der Diskussion bildete eine neue Studie des Forschungsinstituts Sotomo, die die vier grössten Schweizer Städte miteinander vergleicht.

Zum Auftakt der Veranstaltung im Zürcher Glockenhof machte Raphaël Tschanz, Direktor der Zürcher Handelskammer, deutlich, weshalb die emotional geladene Debatte gerade jetzt an Bedeutung gewinnt. Mit den anstehenden Abstimmungen stünden zentrale Weichenstellungen für den Zürcher Wohnungsmarkt bevor. Umso wichtiger sei eine fundierte Diskussion darüber, welche wohnpolitischen Ansätze tatsächlich zu mehr Wohnraum und einer besseren Marktdynamik beitragen. Vor diesem Hintergrund habe die von der Zürcher Handelskammer geführte Plattform «Fürschi Züri» beim Meinungs- und Forschungsinstitut Sotomo die neue Studie in Auftrag gegeben.

Ein Wohnungsmarkt mit geringer Dynamik

Die analytische Grundlage lieferte Michael Hermann, Politgeograf und Geschäftsführer von Sotomo. Seine Studie zeigt auf, dass der Wohnungsmarkt in Regionen mit hoher Regulierung besonders starr ist. Junge Familien leben häufig in überbelegten Wohnungen, während ältere Menschen oftmals in grossen, unterbelegten Wohnungen verbleiben. Besonders ausgeprägt zeige sich diese Entwicklung in Genf, das schon länger einen strikten Wohnschutz kennt. Jedes zweite schulpflichtige Kind lebt in Genf in einer überbelegten Wohnung. Das würden die Linken mit Blick auf den nun auch in Zürich geforderten Wohnschutz ausblenden.

Die Studie wirft zudem ein differenziertes Licht auf die Wirkung unterschiedlicher Regulierungsmodelle. Bemerkenswert ist etwa der Blick auf das Thema Leerkündigungen: «Wer wusste in den späten 2010er-Jahren schon, was eine Leerkündigung ist?», fragte Hermann. Und er führte aus: «Damals wurden gleich viele solche Kündigungen ausgesprochen wie heute.» Die öffentliche Aufmerksamkeit für das Thema habe sich aber stark verändert. Umso wichtiger sind fundierte Fakten. Und diese zeigen: In der Stadt Zürich bewegt sich der jährliche Anteil der Betroffenen von Leerkündigungen zwischen 0.3 und 0.7 Prozent, in der Agglomeration Zürich zwischen 0.2 und 0.3 Prozent.

Hermann verwies zudem darauf, dass die öffentliche Debatte häufig stark auf Kündigungen fokussiere, während die Frage, welcher Wohnraum durch Sanierungen und Neubauten entsteht, deutlich weniger Beachtung findet. Dabei hätten viele Menschen nachvollziehbare Erwartungen an Zustand und Qualität ihrer Wohnung.

Zwischen Wohnsorgen und Wohnraumschaffung

Im anschliessenden Podium, moderiert von Andreas Schürer, diskutierten Michael Hermann, Nora Ernst, Co-Präsidentin der Grünliberalen Kanton Zürich, und Filippo Leutenegger, Präsident der FDP Kanton Zürich, welche Schlüsse sich daraus für die aktuelle Wohnpolitik ziehen lassen. 

Nora Ernst zeigte sich überrascht darüber, dass die Zahl der Leerkündigungen nicht stärker zugenommen habe. Gleichzeitig verwies sie auf die hohe Bedeutung der Wohnfrage in der Bevölkerung. Nicht nur steigende Kosten beschäftigten die Menschen, sondern auch die Sorge, die eigene Wohnung zu verlieren. Aus ihrer Erfahrung würden Betroffene bei Sanierungen jedoch oft früher informiert, begleitet und teilweise auch nach Abschluss der Arbeiten wieder aufgenommen, als dies in der öffentlichen Wahrnehmung sichtbar werde.

Filippo Leutenegger betonte seinerseits, dass die Herausforderung weniger in der Problembeschreibung als in der Suche nach wirksamen Lösungen liege. Aus seiner Sicht drohten zusätzliche Regulierungen die Bautätigkeit weiter zu erschweren. Ohne zusätzlichen Wohnraum lasse sich die angespannte Situation am Markt nicht entschärfen. 

Sanierungen, Neubauten und soziale Durchmischung

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion lag auf der Rolle von Sanierungen und Ersatzneubauten. Ernst erinnerte daran, dass der Gebäudepark nicht nur wohnpolitisch, sondern auch energie- und klimapolitisch relevant sei: Rund 30 Prozent der Emissionen stammten aus Gebäuden. Gleichzeitig müsse die soziale Durchmischung erhalten bleiben. Der heutige Wohnungsmarkt sei stark ausgetrocknet; selbst wenn Anschlusslösungen gefunden würden, wirke die Wohnungssuche für viele Menschen verunsichernd.

Michael Hermann plädierte dafür, differenzierter über Erneuerung und Verdichtung zu sprechen. Entscheidend sei, welche Art von Wohnraum geschaffen werde. Ersatzneubauten mit zusätzlichen Wohnungen könnten einen Beitrag zur Entlastung leisten, während grössere Wohnflächen oder Business Apartments in der aktuellen Situation wenig hilfreich seien. Gleichzeitig ortete er in der Branche eine Bereitschaft, soziale Anliegen stärker mitzudenken und auch preisgünstige Wohnformen einzubeziehen.

Auch beim Thema preisgünstiger Wohnraum zeigte sich im Panel kein grundsätzlicher Dissens über das Ziel. Die zur Abstimmung stehende Wohnungs-Initiative wurden aber kritisch gewertet: Ernst äusserte Zweifel, ob der Kanton als grosser Marktakteur die richtige Lösung sei. Hermann sprach sich dafür aus, jene Akteure stärker einzubinden, die im Wohnungsbau bereits erfolgreich seien – darunter auch Wohnbaugenossenschaften und private Investoren. Leutenegger warnte vor zusätzlicher Bürokratie und neuen Regulierungen, die das Angebot weiter verknappen könnten.

Mehr Wohnraum braucht funktionierende Rahmenbedingungen

So ergab sich aus Studie und Diskussion ein gemeinsamer Befund: Die Herausforderungen auf dem Wohnungsmarkt lassen sich nicht auf einzelne Schlagworte oder einfache Gegensätze reduzieren. Die Situation ist geprägt von knappen Angeboten und unterschiedlichen Erwartungen an Regulierung, Investitionen und soziale Verantwortung. Der Vergleich mit Genf zeigt: Zu strenge Regulierungen blockieren den Wohnungsmarkt. In der Agglomeration Genf akzentuiert der umfassende Wohnschutz den Lock-in-Effekt. Viele Haushalte bleiben mangels Alternativen in unpassenden Wohnungen.

Zentral bleibt damit die Frage, unter welchen Rahmenbedingungen genügend Wohnraum geschaffen werden kann. Der Städtevergleich von Sotomo lieferte dafür eine empirische Grundlage und zeigte zugleich, dass die Ausgestaltung des Wohnungsmarktes eine der zentralen politischen Fragen für den Kanton Zürich bleiben dürfte.

Aus Sicht der Zürcher Handelskammer entsteht nachhaltige Entlastung am Wohnungsmarkt nur dann, wenn das Wohnungsangebot mit der Nachfrage Schritt hält und Investitionen in Sanierungen, Verdichtung und Neubauten möglich bleiben. Die beiden kantonalen Initiativen setzen aus Sicht der Zürcher Handelskammer am falschen Ort an: Zusätzliche Regulierungen schaffen keinen neuen Wohnraum und drohen vielmehr, Investitionen und Bautätigkeit weiter zu erschweren. Die jeweiligen Gegenvorschläge begrüsst die Zürcher Handelskammer hingegen, da sie Anliegen wie soziale Durchmischung und die Unterstützung Betroffener aufnehmen, ohne die Rahmenbedingungen für zusätzlichen Wohnraum unnötig zu verschlechtern.

Zur Sotomo-Studie Wohnungsmärkte im Vergleich

Impressionen

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