(CONNECT) Die Verhandlungen rund um den Hormus-Konflikt kommen zwar langsam voran, doch laut dem jüngsten Coface Risk Review von Ende Juni sind schon jetzt massive Konsequenzen auszumachen. Durch die Schliessung der Strasse von Hormus ist die globale Ölversorgung in historischem Masse gestört worden. Dabei machen die Fachleute des Kreditversicherers und Risikomanagers Coface klare Verlierer aus: Besonders die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Saudi-Arabien werden hart getroffen, auch wenn ihre Aussicht auf Erholung gut ist. Während Asiens Hightech-Standorte profitieren, spürt auch Europa den Druck. Die Schweiz wird mit ihrer Export-Orientierung konfrontiert. Auch wenn die Weltwirtschaft laut der Fachleute relativ resistent ist, beschleunigt sich die Dynamik rund um Lieferkettenstörungen, Preiserhöhungen und letztlich Inflation sowie restriktivere Geldpolitik.
Coface senkt in der Folge seine Prognose für das globale Wirtschaftswachstum 2026 gegenüber der Prognose vor Ausbruch des Hormus-Konflikts um 0,3 Punkte auf 2,3 Prozent. Insbesondere die Entwicklung in den Golfstaaten, in Südostasien und Europa steht dafür Pate. Deutlich wird die Situation durch einen Blick auf aktuelle Zahlen zu Transport, Energie und Insolvenzen: Im Mai 2026 wurden in der Strasse von Hormus 145 Schiffspassagen registriert, im Mai 2025 waren es noch mehr als 3‘330. Die Preise für Schiffstreibstoff waren bereits im März um das Doppelte im Vergleich zum Vorkrisenniveau gestiegen. Die Insolvenzen verzeichnen gemäss Coface-Analysen im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahreszeitraum ein Wachstum von 12 Prozent.
Gerade in den USA hat die Zahl der Insolvenzen im Jahresvergleich um 22 Prozent zugenommen, die Inflation ist von 2,4 Prozent im Februar auf 4,2 Prozent im Mai angestiegen. Wie Russland stecken die USA als Gas- und Erdöl-Exporteure in einer strategischen Sackgasse, heisst es. Dabei unterscheiden sich die Gründe und Auswirkungen massiv. Russland führt einen Abnutzungskrieg an den eigenen Grenzen und findet schwer Verbündete. Die USA haben einen Konflikt ausgelöst, der andere Weltregionen stärker als sie selbst bestastet. Die augenblicklichen Schocks dürften die USA nicht nur durch das Umfeld einer schwachen Nachfrage relativ gut kompensieren. Steuererleichterungen und auch Vermögenseffekte am Aktienmarkt durch Investitionen in Künstliche Intelligenz (KI) haben positive Effekte.
In diesem Sinne profitieren momentan auch die entwickelten Volkswirtschaften Nordostasiens, die sich explizit auf KI und generell Hightech spezialisiert haben. Japan setzt etwa verstärkt Materialien und Maschinen für die Halbleiterproduktion um. Von der hohen Nachfrage im Kontext von Zukunftstechnologien kann sich auch China ein Stück sichern: KI-bezogene Elektronikprodukte und Elektrofahrzeuge stehen hauptsächlich hinter der 14,5-prozentigen Steigerung der Exporte von Januar bis April im Vergleich zur Vorjahresperiode. Gleichzeitig kämpft China jedoch stark mit einer schwachen Konsumnachfrage.
Coface zählt europäische Staaten zu den Verlierern der Situation. Im Euroraum wird sich das Wirtschaftswachstum im Jahr 2026 voraussichtlich um 0,7 Prozentpunkte auf 0,7 Prozent verlangsamen. In Deutschland leidet das verarbeitende Gewerbe stark unter dem steigenden Wettbewerbsdruck mit China, Energiekosten sind hier teilweise matchentscheidend. Die Arbeitslosenzahlen sind mit 6,6 Prozent auf dem höchsten Stand seit zwölf Jahren. Aufgrund von umfangreichen staatlichen Unterstützungsprogrammen liegt die Coface-Prognose für das Wirtschaftswachstum 2026 auf 0,4 und für 2027 bei 0,9 Prozent. Für Frankreich sieht Coface erst eine Besserung nach den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Frühjahr 2027: Die schwache Binnennachfrage dürfte bis dahin anhalten. Die Coface-Prognosen gehen davon aus, dass das Wachstum leicht weiter zurückgeht – von 0,6 Prozent im Jahr 2026 auf 0,5 Prozent im Jahr 2027.
Die hohen Energiekosten und steigenden Vorleistungskosten schwächen auch einige südostasiatische Produktionsstandorte – hier steigt der Inflationsdruck, das Wachstum verlangsamt sich. Etwa Indonesien und die Philippinen spüren starken Margendruck. Im Coface-Länderrating wurden in Südostasien diese beiden Länder neben Vietnam, Kambodscha und Malaysia herabgestuft.
Die Schweiz befindet sich unter Druck. Ein Anzeichen dafür ist der Verlust der Spitzenposition im IMD-Ranking zur Wettbewerbsfähigkeit. Ausschlaggebend, heisst es, war der Rückgang internationaler Investitionen. Im Sektor-Rating von Coface wurde sie unter anderem im Transport herabgestuft. In diesem für die Versorgung der Wirtschaft sowie für den Aussenhandel zentralen Bereich sinken die Margen und steigen die Kosten, so die Argumentation.
Gleichwohl hält die Schweiz ihr hervorragendes Risiko-Länderrating und bleibt laut der Fachleute vergleichsweise gut positioniert. Die Nationalbank hat den Leitzins von 0 Prozent nicht erhöht und stabilisiert die Rahmenbedingungen. Der Franken-Euro-Kurs von rund 0,92 bleibt laut der Analyse tragbar. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) schätzt, dass die Wirtschaft 2026 um rund 0,9 Prozent und 2027 um 1,6 Prozent steigen wird. Als Exportnation ist die Schweiz laut SECO zwar auf dem Weltmarkt exponiert, aber stark auf Dienstleistungen ausgerichtet und die Industrie auf weniger energieintensive Bereiche fokussiert. Ein weiteres ermutigendes Zeichen: Wichtige Handelspartner der Schweiz wie die USA und China wurden in der jüngsten Coface-Bewertung nicht herabgestuft. Ihr Länderrisiko bleibt stabil.
Coface unterstützt Schweizer Unternehmen seit 1995 bei ihrer internationalen Entwicklung. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in Paris und betreibt Standorte in Zürich und Lausanne. ce/ew

