Eine Rückversicherung ist ein Frühwarnsystem für geopolitische, klimatische und technologische Risiken. Welche Risikotrends sind aus Ihrer Sicht heute am meisten unterschätzt – und was bedeutet das für Unternehmen im Wirtschaftsraum Zürich?
Risiko ist unser Geschäft! Wir analysieren laufend Risiken, bekannte und neue. Wir geben dem Risiko einen Preis: die Prämie. Damit erfüllt die Assekuranz eine wichtige Marktfunktion. Unterschätzt werden heute etwa die Verletzlichkeit für Cyberangriffe oder von kritischer Infrastruktur. Auch die Auswirkungen extremer Wetterereignisse dürfen wir nicht vernachlässigen. Die für 2026 geplante Fertigstellung des Entlastungsstollens Sihl-Zürichsee bei Thalwil bedeutet einen Meilenstein für Zürich; der Tunnel mindert das Schadensrisiko eines Sihl-Hochwassers um 99 %.
Die Schweiz ist ein globaler Versicherungsstandort. Welche regulatorischen Weichenstellungen sind entscheidend, damit die Branche in Zürich weiterwachsen kann – bei gleichzeitiger Stabilität des Systems?
Die Schweiz ist weltweit der drittgrösste Rückversicherungsstandort – nach den USA und Deutschland. Die Assekuranz gehört zu den produktivsten Sektoren unserer Wirtschaft und ihr Beitrag zum BIP liegt nur geringfügig hinter jenem der Banken. Das zentrale Anliegen an die Regulierung ist, dass sie Innovationen ermöglicht und die internationale Wettbewerbsfähigkeit im Auge hält.
Digitalisierung und Fachkräftemangel sind zentrale Herausforderungen. Welche Rolle spielen diese Themen speziell für den Versicherungs- und Finanzsektor?
Es ist sehr wichtig für Swiss Re, qualifizierte Fachkräfte auch international rekrutieren zu können. Am Hauptsitz arbeiten Beschäftigte aus rund 80 Ländern. So können wir einen überdurchschnittlich hohen Anteil unserer Wertschöpfung aus der Schweiz heraus erbringen und am Standort Zürich attraktive Arbeits- und Ausbildungsplätze bieten. Künstliche Intelligenz setzen wir gezielt für Effizienzsteigerungen und Qualitätsverbesserungen ein.
Das internationale Umfeld ist auf absehbare Zeit von bedeutenden geopolitischen Unsicherheiten geprägt. Was bedeutet das für den Unternehmensstandort Zürich?
Wir sollten primär auf unsere Stärken bauen. Sie werden im Ausland durchaus geschätzt. Das höre ich von unseren Kunden immer wieder. Die Schweiz belegt seit 15 Jahren in Folge den Spitzenplatz im globalen Innovationsranking. Auch zahlreiche KMU sind in ihren Fachgebieten Weltspitze. Zürich besitzt zukunftsfähige Cluster. Techkonzerne von Alphabet über Disney bis Amazon und Meta sind im Raum Zürich präsent. Unsere Hochschulen spielen vorne mit. Jüngst hat Space Florida den Innovationspark Zürich als ihren Europa-Hub gewählt. Mit günstigen Energiepreisen ist die Schweiz auch als Werkplatz attraktiv, etwa für Bau und Betrieb von Rechenzentren. Zusammen mit der hohen politischen Stabilität haben wir eine solide Grundlage, um international mitzuhalten.
Die Schweiz muss ihr künftiges Verhältnis zur EU bestimmen. Wie sieht diese Beziehung aus Ihrer Sicht aus?
on unseren 10 wichtigsten Märkten sind 6 in der EU. Das Europa-Hauptquartier von Swiss Re ist in Luxemburg. Wir verfügen somit über einen direkten Zugang zum Binnenmarkt. Die Personenfreizügigkeit mit der EU ist für uns der zentrale Faktor für die künftige Erbringung eines hohen Wertschöpfungsanteils aus der Schweiz heraus.

