Quantentechnologie und KI: Was heisst das für den Kanton Zürich?

Künstliche Intelligenz und Quantentechnologien entwickeln sich rasant und eröffnen neue Möglichkeiten für Wirtschaft und Staat. Gleichzeitig stellen sie Unternehmen und Verwaltungen vor Herausforderungen bei Sicherheit, Datenschutz und Verantwortung. Am Kantonsratsanlass der Zürcher Handelskammer vom 19. Oktober diskutierten Fachleute aus Wirtschaft und kantonaler Verwaltung mit Mitgliedern des Zürcher Kantonsrats, was diese Entwicklungen für den Kanton Zürich bedeuten.

Zum Auftakt des Anlasses im Kantonsratsgebäude begrüsste Raphaël Tschanz, Direktor der Zürcher Handelskammer, die Teilnehmenden. Drei Inputreferate beleuchteten die technologischen Entwicklungen, ihre Chancen und Risiken sowie ihre Bedeutung für die kantonale Verwaltung. In der anschliessenden Gesprächsrunde stand die Frage im Zentrum, welche Rahmenbedingungen Zürich schaffen muss, um die Potenziale auszuschöpfen und gleichzeitig verantwortungsvoll mit den Risiken umzugehen.

Quantentechnologie wird zur Sicherheitsfrage 

Dr. Marc Stoecklin, Leiter von IBM Quantum Safe, zeigte auf, weshalb Quantentechnologie bereits heute eine Frage der Informationssicherheit ist. Leistungsfähige Quantencomputer könnten künftig mathematische Probleme lösen, auf denen ein grosser Teil der heutigen Verschlüsselungsverfahren basiert. Besonders relevant ist das Prinzip «Harvest now, decrypt later»: Verschlüsselte Daten können bereits heute abgegriffen und gespeichert werden, um sie später mit leistungsfähigerer Technologie zu entschlüsseln. Auch digitale Signaturen und Authentifizierungsverfahren könnten betroffen sein. 

Entsprechend gewinnt quantensichere Kryptografie an Bedeutung. Neue Standards stehen zur Verfügung, doch die Umstellung ist komplex und kann mehrere Jahre dauern. Unternehmen und Institutionen müssen wissen, wo sie Kryptografie einsetzen, welche Risiken bestehen und wie weit ihre Lieferanten und Partner bei der Umstellung sind. Zürich verfügt mit IBM Research Zurich, der ETH und zahlreichen Start-ups über einen bedeutenden Wissenspool. Dieses Fachwissen am Standort zu halten und weiterzuentwickeln, ist deshalb auch eine wirtschaftspolitische Aufgabe. 

Gleichzeitig eröffnet Quantencomputing weit über die Kryptografie hinaus neue Möglichkeiten. Durch die neue Technologie könnten künftig komplexe Problemstellungen in Bereichen wie Simulation, Optimierung, Risikoanalyse und Naturwissenschaften gelöst werden, an denen klassische Computer an ihre Grenzen stossen. Damit bietet die Technologie langfristig erhebliches Potenzial für Wirtschaft, Forschung und staatliche Anwendungen.

Wie viel KI verträgt die Verwaltung? 

Avdyl Haxhaj, AI Integration Services Leader EMEA bei IBM, stellte die Frage, wie viel KI die Verwaltung verträgt. Anwendungen entwickeln sich zunehmend von Systemen, die auf einzelne Fragen reagieren, hin zu KI-Agenten, die klar definierte Aufgaben planen und ausführen können. Je mehr eine KI handeln darf, desto klarer müssen jedoch Rechte, Grenzen und Kontrolle geregelt sein. 

Gerade für die Verwaltung eröffnet diese Entwicklung zugleich vielfältige Möglichkeiten. KI kann Mitarbeitende bei anspruchsvollen Wissensaufgaben unterstützen, standardisierte Prozesse automatisieren und künftig dazu beitragen, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen. Die Einsatzmöglichkeiten reichen von Recherche und Sachbearbeitung über Dienstleistungen für die Bevölkerung bis hin zur Analyse von Daten und der Simulation unterschiedlicher Szenarien.

KI kann allerdings überzeugend falsche Antworten liefern, Verzerrungen übernehmen und besitzt kein menschliches Urteilsvermögen. Abwägung, Verhältnismässigkeit und Verantwortung bleiben daher menschliche Aufgaben. Für eine verantwortungsvolle Einführung brauche es passende Technologien, gute Daten und Prozesse, befähigte Mitarbeitende, klare Wirkungskriterien und eindeutig geregelte Verantwortlichkeiten. Avdyl Haxhajs Antwort auf die Ausgangsfrage lautete: Die Verwaltung verträgt so viel KI, wie sie verantworten kann.

KI in der kantonalen Verwaltung 

Andreas Tokarczyk vom Amt für Informatik zeigte, wie der Kanton Zürich mit den neuen Technologien umgeht. KI finde sich längst nicht mehr nur in Chatbots, sondern auch in Fachanwendungen, Büroautomation und weiteren Lösungen. Gleichzeitig seien die rechtlichen Vorgaben zu Datenschutz und Informationssicherheit einzuhalten. 

Ein konkretes Beispiel ist das Projekt «SynerKI» der kantonalen Verwaltung. Über eine KI-Serviceplattform soll der unabhängige Betrieb von KI-Basisdiensten und Fachapplikationen ermöglicht werden, insbesondere auch für Anforderungen, die kommerzielle Angebote nur unzureichend abdecken. Hinzu kommen Schulungs- und Sensibilisierungsangebote, eine Koordinationsstelle sowie der Austausch innerhalb der Verwaltung. Im Bereich der Quantentechnologie liegt der Schwerpunkt des Kantons auf der Post-Quanten-Kryptografie, einschliesslich Sensibilisierung, Krypto-Inventar und einer zentralen Ansprechstelle. 

Vom Pilotprojekt zum konkreten Nutzen 

In der anschliessenden Gesprächsrunde diskutierten Marc Stoecklin, Avdyl Haxhaj, Andreas Tokarczyk und Nicolas Zahn von ELCA Informatik AG. Moderiert wurde die Runde von David Stauffacher von economiesuisse. Im Zentrum stand die Frage, wie KI den Schritt aus Pilotprojekten in die breite Anwendung schafft und einen konkreten Nutzen für Bevölkerung und Verwaltung stiften kann. 

Dabei wurde deutlich, dass das Potenzial weit über einzelne Anwendungen wie Übersetzungen oder Zusammenfassungen hinausgeht. Gerade die Verwaltung bietet mit ihren vielfältigen Aufgaben und Datenbeständen zahlreiche Ansatzpunkte für neue Anwendungen. So kann KI dazu beitragen, grosse Informationsmengen effizienter zu verarbeiten, Verwaltungsprozesse zu vereinfachen und Dienstleistungen für die Bevölkerung schneller und zugänglicher zu gestalten. Entscheidend sei, nicht einfach bestehende Prozesse mit KI zu ergänzen, sondern zunächst zu prüfen, wie diese grundsätzlich verbessert werden können. Gleichzeitig müssen Datenschutz, Informationssicherheit und rechtliche Vorgaben von Beginn an mitgedacht werden. Sie sollen klare Leitplanken für den Einsatz neuer Technologien setzen und gleichzeitig Raum für Innovation lassen.

Auch die Potenziale der Quantentechnologie für den Wirtschafts- und Forschungsstandort Zürich waren Gegenstand der Diskussion. Neben den dringlichen Fragen der Informationssicherheit eröffnet sie neue Möglichkeiten, komplexe Problemstellungen und Algorithmen neu zu denken. In der Diskussion wurden beispielsweise Anwendungen in Bereichen wie Katastrophenschutz und Wettermodellierung angesprochen. Mit ETH, IBM, Hochschulen und Start-ups verfügt Zürich dafür über einen aussergewöhnlichen Wissenspool.

Innovation braucht die richtigen Rahmenbedingungen

Zum Abschluss hielt Raphaël Tschanz fest, dass sich Wirtschaft und Staat bereits heute auf die neuen Sicherheitsanforderungen der Quantentechnologie vorbereiten müssen. KI biete grosses Potenzial, brauche aber klare Grenzen und Verantwortlichkeiten. Entscheidungen müssten beim Menschen bleiben, und beim Einsatz in der Verwaltung sollte der jeweilige Prozess vor der Technologie stehen. 

Zürich verfügt mit seinen Hochschulen, Forschungseinrichtungen und innovativen Unternehmen über hervorragende Voraussetzungen in beiden Zukunftstechnologien. Damit der Standort seine Spitzenposition behaupten kann, braucht es Rahmenbedingungen, die Innovation ermöglichen, Fachwissen sichern und einen verantwortungsvollen Umgang mit neuen Technologien gewährleisten. Beim anschliessenden Apéro wurde der Austausch fortgesetzt und über die Chancen, Risiken und konkreten Auswirkungen von KI und Quantentechnologie weiterdiskutiert.

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