Climate Tech ist eine der grössten wirtschaftlichen Chancen unserer Zeit.

Dr. Karin Lenzlinger, Präsidentin der Zürcher Handelskammer, erklärt im Interview, weshalb Climate Tech für sie unternehmerische Chance und gesellschaftliche Verantwortung zugleich ist – und was Zürich braucht, um international führend zu bleiben.

Karin, du blickst auf eine beeindruckende Karriere in der klassischen Wirtschaft zurück. Gab es einen spezifischen Moment, in dem dir klar wurde: «Ich will meine Energie und mein Kapital vermehrt auch auf Climate Tech fokussieren»?

Im Grunde bin ich schon seit fast drei Jahrzehnten überzeugt, dass man in Climate Tech investieren muss. Selbst habe ich dies damals umgesetzt, indem wir zu den Ersten zählten, die 1999 eine Solaranlage auf das Dach ihres Hauses installiert haben, und ich in diverse nachhaltige Produkte im Familienunternehmen investiert habe. Natürlich waren diese Bemühungen nur sehr punktuelle Ansätze.

Warum ist Venture Capital für dich ein wichtiger Hebel, um dem Klimawandel zu begegnen, im Vergleich zu politischem Engagement oder Philanthropie?

Ich bin überzeugt, dass der Wirkungsgrad für die Umsetzung von vielen Themen in unternehmerischen Lösungen besteht. Wenn wir das Unternehmertum und damit Venture Capital als Antrieb nutzen können, um speziell auch den Klimawandel anzugehen, dann passiert das gezielt, effizient, freiwillig und fokussiert.

Was bedeutet der Name «Übermorgen» für dich persönlich, wenn du an die Welt denkst, die wir hinterlassen?

Aktuell mache ich mir wirklich Sorgen, wenn ich an «Übermorgen» denke. Wir kennen die Fakten zur menschengemachten Klimaproblematik und deren Auswirkungen gut und wissen, dass die Herausforderungen für deren Lösung sehr gross sind. Seit langem vertrete ich deshalb die Ansicht, dass es stetige Bemühungen braucht, da wir nicht alles von einem Tag auf den anderen verändern können. Momentan haben diese stetigen Bemühungen aber leider keine Hochkonjunktur.

Als erfahrene Investorin und Verwaltungsrätin hast du viele Optionen. Was hat den Ausschlag gegeben, dich gerade bei Übermorgen Ventures zu engagieren?

Übermorgen Ventures habe ich zum richtigen Zeitpunkt kennengelernt, als ich für grössere Investments bereit war und Übermorgen Ventures ernsthaft gestartet ist. Gepasst hat aber vor allem auch die professionelle Strukturierung und eine klare Fokussierung und nicht zuletzt ein hoch engagiertes, risikobereites und diverses Management-Team.

Was macht das Team von Übermorgen in deinen Augen anders oder besser als andere VCs im Climate-Bereich?

Von Anfang an war ich sehr beeindruckt vom Team und seiner hohen Professionalität, dem Respekt vor der Aufgabe, der Verantwortung gegenüber den Investoren sowie den Startups, aber auch der innovativen Dynamik und dem Willen, sich bzw. die Prozesse laufend zu verbessern, auch wenn dies einen hohen Aufwand bedeutet hat. Die Offenheit, über die laufenden Verbesserungen in ihren Prozessen und den Investments zu berichten, ist für mich sehr beeindruckend.

Viele glauben immer noch, dass man sich zwischen Rendite und Impact entscheiden muss. Wie siehst du das Zusammenspiel von ökologischem Impact und finanziellem Erfolg?

Als ich vor fast drei Jahrzehnten selbst in nachhaltige Lösungen investiert habe, war ich selbst oder unsere Kunden noch bereit, vergleichsweise mehr für nachhaltige Lösungen zu bezahlen. Heute ist dies nicht mehr so. Dank der technologischen Entwicklungen ist es möglich, aber auch Voraussetzung, mit nachhaltigen Lösungen Rendite zu erzielen. Wer Nachhaltigkeit umfassend definiert, also neben ökologischer, sozialer und vor allem auch wirtschaftlicher Nachhaltigkeit auch die wirtschaftliche Dimension einbezieht und sein ganzes Geschäftsmodell strategisch darauf ausrichtet, dürfte am meisten Erfolg haben. Ich gebe zu, dass es für gewisse Investments Geduld braucht. Zudem müssen wir auch in unserer Kultur das Scheitern besser akzeptieren, was zu einem früheren Aufhören führen kann.

«Wir müssen wieder vermehrt die Zukunft gestalten, statt der Gegenwart regulatorisch die Luft abzuwürgen.» 
 

Du kommst aus einer traditionsreichen Unternehmerfamilie. Wie bringst du deine Erfahrung aus der «Old Economy» in die dynamische Welt der Tech-Startups bei Übermorgen ein?

Natürlich muss man sich in etablierten Organisationen mehr mit Strukturen und Businessprozessen beschäftigen – «Zurufen» funktioniert da nicht mehr. Dies spielt dann aber auch bei Startups mit der Zeit eine Rolle. Startups kämpfen zwar häufig täglich um ihr Überleben. Aber auch in der Old Economy ist man häufig von Kosten getrieben. Während man in der Old Economy also zuweilen mit zu rigiden Strukturen kämpft, muss in der Startup-Welt gelernt werden, dass man ein Businessmodell braucht, das nicht nur einfach techgetrieben ist, sondern auch irgendwann kommerziell erfolgreich sein muss. Vorteilhaft scheint mir da, wenn die Startup-Unternehmer auch ihr eigenes Geld investiert haben. Eigentlich liegen die Welten also gar nicht so weit auseinander, bei beiden ist der strategische Fokus auf das Kundenbedürfnis letzten Endes sehr wichtig.

Wie schätzt du das Potenzial des Zürcher Startup-Ökosystems ein, echte Weltmarktführer im Bereich Dekarbonisierung hervorzubringen?

Das ist eine schwierige Frage, insbesondere in der heutigen Zeit, wo Investoreninitiativen plötzlich zurückgezogen werden und die Politik unerwartet Kehrtwenden macht. Zürich hat aber eine sehr interessante Ausgangslage mit der Kombination von weltführender Forschung, potenten Investoren und mutigen Startup-Unternehmerinnen und -Unternehmern. Auch funktionierende und verlässliche Institutionen, vergleichsweise liberale Regulierungen und die Nähe von Politik und Wirtschaft spielen eine wichtige positive Rolle. Zürich als das dynamischste Zentrum und die Schweiz werden im globalen Index für innovative Regionen regelmässig ganz vorne erwähnt, jedoch nicht im «Ease of Doing Business Index». Da braucht es dringend Verbesserungen, insbesondere weil die Welt rund um uns aufgeholt hat. Die Anwesenheit von Unternehmen wie Climeworks, die an vorderster Front des Aufbaus stehen, zeigt aber, was möglich ist. Sicher ist die Schweiz ein kleines, teilweise eher risikoarmes und manchmal gemächliches Land, was insbesondere für den Aufbau einer Weltmarktführerschaft schwierig ist und die innovativen, erfolgreichen Unternehmen ins Ausland zwingt.

Was kann die Politik hier beitragen?

Den Jungunternehmerinnen und Jungunternehmern sollten weniger Steine in den Weg gelegt werden. Steuern, gerade auch was Mitarbeiterbeteiligungsprogramme anbelangt, sollten maximal vereinfacht werden. In den Bereichen, die wir fördern wollen und die gesellschaftlich wünschenswert sind, müssen die Regulierungen und Einspracherechte abgebaut und eingeschränkt werden, sodass vorwärtsgemacht werden kann. Wir müssen wieder vermehrt die Zukunft gestalten, statt der Gegenwart regulatorisch die Luft abzuwürgen.

Wir sehen aktuell massive regulatorische Änderungen (wie den Green Deal). Ist Climate Tech für Investoren aktuell eher eine Pflicht oder die grösste wirtschaftliche Chance unserer Zeit?

Sicher Zweiteres, aber es braucht vielleicht etwas mehr Zeit. Wichtig ist es, Nachhaltigkeit als Chance zu sehen und nicht als Zwang.

Was würdest du anderen etablierten Unternehmern oder Investoren raten, die noch zögern, in diesen Bereich einzusteigen?

Forza! Wir brauchen alle – heute!

Zurück zur Übersicht