ZHK-Frühstücksevent: Nach der 10-Millionen-Initiative

Die 10-Millionen-Initiative wurde an der Urne abgelehnt, das Unbehagen über Wachstum und Zuwanderung bleibt jedoch verbreitet. Wie viel Wachstum braucht der Wohlstand und wie viel verträgt die Gesellschaft? Darüber diskutierten Experten am ZHK-Frühstücksevent vom 30. September.

Die Volksinitiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» forderte, dass die ständige Wohnbevölkerung der Schweiz bis 2050 10 Millionen nicht überschreiten darf. Diese starre Obergrenze wurde am 14. Juni 2026 zwar mit 55 Prozent (ZH: 60 Prozent) und der Mehrheit der Stände abgelehnt. Mit 45 Prozent sprach sich dennoch ein beachtlicher Teil für den Bevölkerungsdeckel aus.

Die Abstimmung hat gezeigt: Der Druck auf Wohnraum, Verkehr und öffentliche Infrastruktur ist real, und auch Fragen zu Asyl, Integration und Kriminalität verlangen eigenständige Antworten. Welches Wachstum schafft Wohlstand und ist politisch weiterhin tragfähig?

Diese Frage stand im Zentrum des jüngsten Frühstücksevents der Zürcher Handelskammer (ZHK) vom 30. September 2026 mit Prof. Dr. Tobias Straumann (Universität Zürich), Prof. Dr. Matthias Oesch (Universität Zürich), Dr. Patrick Chuard-Keller (Schweizerischer Arbeitgeberverband) und Dr. Balz Hösly (Greater Zurich Area), moderiert von Andreas Schürer.


Geschwindigkeit der Veränderung ist entscheidend

ZHK-Direktor Raphaël Tschanz stellte gleich zu Beginn klar: Die Ablehnung der Volksinitiative ist kein Grund, untätig zu bleiben. Unsere Gesellschaft altere und der Arbeitskräftemangel verschärfe sich weiter. Ohne Gegenmassnahmen könnten dem Kanton Zürich bis 2050 je nach Szenario bis zu 300’000 Arbeitskräfte fehlen. Um diese Lücke zu schliessen und unseren Wohlstand zu wahren, böten sich im Wesentlichen drei Hebel an: 1) eine höhere Arbeitsproduktivität, 2) eine höhere Arbeitsmarktintegration der inländischen Bevölkerung und 3) der Zugang zu Arbeitskräften aus dem Ausland. Der Zugang zu den richtigen Talenten, internationale Vernetzung und verlässliche Beziehungen zur Europäischen Union blieben deshalb zentral.

Tobias Straumann ordnete die Debatte historisch ein. Bereits zwischen 1870 und 1914 habe eine rasche Globalisierung den Standortwettbewerb und den Strukturwandel beschleunigt. Die Erfahrung zeige: Offene Volkswirtschaften sollten besonders exponierte Bereiche gezielt entlasten oder das Veränderungstempo punktuell bremsen, bevor die Akzeptanz für Offenheit insgesamt verloren gehe.

Bei der Zuwanderung sei deshalb vor allem die Geschwindigkeit der Veränderung entscheidend. Eine Nettozuwanderung von etwa einem Prozent der Bevölkerung könne die Schwelle des politisch Akzeptierbaren überschreiten. Straumann plädierte für mehrere kleine, selektive und rechtlich tragfähige Massnahmen, die die Dynamik dämpfen und sichtbare Steuerungsfähigkeit vermitteln.

Trotz des begrenzten Spielraums durch die Personenfreizügigkeit müsse die Schweiz solche Massnahmen identifizieren. Hier sieht Straumann auch die Wirtschaftsverbände in der Pflicht.

Steuerung der Zuwanderung und mehr Cleverness

In der Diskussion mit den vier Experten wies Standortförderer Balz Hösly darauf hin, dass es beim Wachstum und der Zuwanderung gerade auch um das Bauchgefühl der Bevölkerung gehe. Die Abstimmung habe gezeigt, dass es ein Unbehagen gebe, weil die Zuwanderung derzeit nicht gesteuert werde. Diese Steuerung brauche es jedoch, damit das Wachstum nicht nur quantitativ, sondern gerade eben auch qualitativ sei. Gleichzeitig sollte die Wirtschaft auch das Thema Asyl adressieren. Probleme in diesem Bereich seien anzugehen, statt die gesamte Zuwanderung einzuschränken, so der Tenor.

Unter den Experten bestand weitgehend Einigkeit, dass die Personenfreizügigkeit wirtschaftlich, gesellschaftlich und wissenschaftlich grosse Vorteile bringt und einen Grundpfeiler der europäischen Integration bildet. Zugleich wurde betont, dass sie rechtlich ein relativ rigides, arbeitsmarktorientiertes System schafft. Spielräume bestehen nach Rechtsprofessor Matthias Oesch dort, wo Einschränkungen durch überwiegende öffentliche Interessen begründet und verhältnismässig ausgestaltet werden können, etwa bei Sprachkenntnissen, der Vertrautheit mit regulierten Systemen oder bestimmten staatlichen Funktionen.

Dabei gehe es jedoch auch darum, nicht päpstlicher als der Papst zu sein. Zu oft verhalte sich die Schweiz wie ein Musterknabe, gerade auch im Umgang mit der EU, sagte Balz Hösly. Der «Swiss Finish» sei dabei jedoch ein totaler Anachronismus. Dies schaffe mehr Regulierung und mehr Bürokratie. Die Schweiz müsste stattdessen wieder cleverer werden und lernen, die Systemgrenzen im eigenen Interesse besser auszureizen.

Kritisiert wurden indes innenpolitisch attraktive, aber praktisch wenig wirksame Massnahmen, die die EU provozieren könnten, ohne die Zuwanderung substanziell zu beeinflussen – so auch die derzeit diskutierte Zuwanderungsabgabe im Rahmen der Schutzklausel.

«Sense of urgency» ist vielen nicht bewusst

Auf die Frage zum inländischen Arbeitskräftepotenzial als möglichem Hebel betonte Ökonom Patrick Chuard-Keller, dass die Schweiz im internationalen Vergleich bereits eine sehr hohe Erwerbsbeteiligung aufweise. Verbesserungen seien möglich, etwa durch den Abbau steuerlicher Fehlanreize für Teilzeit- und Weiterarbeit, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie flexiblere Übergänge in die Pensionierung. Der quantitativ stärkste Hebel wäre jedoch ein höheres Referenzalter. Dies sei jedoch politisch schwierig.

Letztlich sei es eine Wohlstandsdebatte, konstatierte Balz Hösly. Wohlstand sei ein Produkt aus Arbeitszeit, Produktivität und Zuwanderung. Da die jährliche Arbeitszeit in den vergangenen Jahren gesunken sei, sei dies teilweise durch Zuwanderung kompensiert worden. Wer weniger Zuwanderung wolle, müsse deshalb entweder die Arbeitszeit oder die Produktivität erhöhen. Künstliche Intelligenz könne eine zusätzliche Option sein, um die Produktivität zu erhöhen, so Chuard-Keller. Das tatsächliche Ausmass bleibe jedoch offen.

Dies lege auch eine Dringlichkeit – einen «sense of urgency» - offen, den im Moment viele so noch gar nicht wahrhaben wollten. Wertschöpfung werde derzeit vor allem von den sehr produktiven und innovativen Unternehmen geschaffen. Gleichzeitig gerieten die internationale Wettbewerbsfähigkeit Zürichs, hohe Unternehmenssteuern, lange Verfahren und regulatorische Belastungen aus dem Blick. Wegzüge von Unternehmen seien nicht als Einzelfälle abzutun, sondern als mögliche Signale tieferliegender Standortprobleme. Wirtschaft und Verbände müssten deshalb beharrlich erklären, dass erfolgreiche, international tätige Grossunternehmen und KMU Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Steuereinnahmen sichern.

«Muss es uns erst schlechter gehen, bis wir dies realisieren?», fragte Moderator Schürer schliesslich in die Runde. Das sei gerade das Problem, erwiderte Wirtschaftshistoriker Straumann. Seit 2003 hätte die Schweiz keine Rezession mehr erlebt. Die Zuwanderung habe die Binnenwirtschaft derart gestärkt, dass sie auch die Konjunkturzyklen im Exportsektor habe abfedern können. Dies sei eine gefährliche Konstellation.

Die Zürcher Handelskammer will in dieser Diskussion auch in Zukunft mit Fakten, konkreten Vorschlägen und dem Dialog zwischen Wirtschaft, Politik und Bevölkerung einen konstruktiven Beitrag leisten. Das angekündigte 10-Punkte-Programm für die nächste Legislatur übersetzt diese Ziele in umsetzbare standortpolitische Massnahmen.

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