Ein Abend des Perspektivenwechsels: 60 Menschen, 8 Tische, 3 Diskussionsrunden – der Townhall-Abend in Zürich am 26. Mai wurde als spannend, konstruktiv und anregend erlebt. Ziel war nicht, fertige Antworten zu liefern, sondern ins Gespräch miteinander zu kommen: über Erwartungen an die Wirtschaft, über die Grundlagen unseres Wohlstands und über die Frage, wie das Zusammenleben in einem wachsenden Kanton gelingen kann.
Unser besonderer Dank geht an Nationalrätin Corina Gredig, die mit ihren einleitenden Worten den Ton des Abends setzte. Sie sprach über Wirtschaft nicht als abstrakte Zahlengrösse, sondern als Teil unseres Alltags – sichtbar in Arbeit, Ausbildung, Wohnen, Betrieben und öffentlichen Dienstleistungen. Und sie erinnerte daran, dass Zürichs Stärke nicht selbstverständlich ist, sondern davon abhängt, ob es gelingt, wirtschaftliche Kraft mit gesellschaftlichem Zusammenhalt zu verbinden.
Raphaël Tschanz legte mit den Ergebnissen der Bevölkerungsbefragung «Die Zürcher Wirtschaft aus Sicht der Bevölkerung» die empirische Grundlage für die Diskussion. Die Studie zeigt ein differenziertes Bild: Viele Zürcherinnen und Zürcher blicken grundsätzlich positiv auf die Wirtschaft und anerkennen ihren Beitrag zu Lebensqualität, Ausbildung und Arbeitsmarkt. Gleichzeitig beschäftigen sie Fragen rund um Wohnkosten, Lebenshaltungskosten, Wachstum und die Belastung eines erfolgreichen Standorts.
Viele Teilnehmende betonten, dass gerade die unterschiedlichen Meinungen den Austausch wertvoll machten. Wiederholt wurde deutlich: Die Fähigkeit, miteinander zu sprechen, auch wenn man nicht gleicher Meinung ist, wird selbst als gesellschaftlicher Wert verstanden. In einer Zeit, in der Polarisierung in Medien und sozialen Medien oft dominiert, war genau dies eine der stärksten Erfahrungen des Abends: Differenzierte Diskussionen bleiben möglich. Nachfolgend unsere Zusammenfassung aus den Dialogrunden.
Erneuerung des Gesellschaftsvertrags
Von der Wirtschaft wird deutlich mehr erwartet als wirtschaftlicher Erfolg allein. Wiederkehrende Themen waren Verantwortung, Fairness, Chancengleichheit, gute Arbeitsplätze und ein sichtbarer Beitrag zum Gemeinwohl. An mehreren Tischen wurde der Wunsch nach einem erneuerten Gesellschaftsvertrag zwischen Wirtschaft und Gesellschaft diskutiert. Unternehmen sollen nicht nur profitieren, sondern auch etwas zurückgeben: durch gute Arbeitsbedingungen, Engagement, langfristiges Denken und verständliche Kommunikation darüber, was sie brauchen, um erfolgreich zu sein. Zugleich wurde ein Unterschied zwischen Grossunternehmen und KMU wahrgenommen. Grosse Unternehmen verfügen über mehr Ressourcen, etwa um Regulierung zu bewältigen, während KMU stärker belastet werden. Daraus entstand der Wunsch nach mehr gegenseitigem Verständnis: zwischen Wirtschaft und Politik, zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmenden sowie zwischen grossen und kleinen Unternehmen.
Wohlstand ist keine Selbstverständlichkeit
Die Diskussionen machten sichtbar, dass Wohlstand in der Schweiz nicht als selbstverständlich betrachtet wird. Als Voraussetzungen des Wohlstands wurden politische Stabilität, Offenheit, internationale Vernetzung, ein funktionierendes demokratisches System, gute Infrastruktur, Fachkräfte, Innovationskraft, Unternehmertum und Leistungsbereitschaft genannt. Mehrfach wurde betont, dass Wohlstand auch auf Arbeit beruht: auf Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, sich zu engagieren und professionell zu handeln. Gleichzeitig wurde diskutiert, wie sich dieser Leistungsbegriff verändert, etwa mit Blick auf Work-Life-Balance, Berufsstolz und die Frage, wie stark sich Menschen mit ihrer Arbeit identifizieren. Ein wiederkehrendes Spannungsfeld war die Offenheit der Schweiz: Sie gilt als Grundlage des Wohlstands, kann aber auch Ängste auslösen. Zugespitzt wurde die Sorge vor einem „Monaco“ formuliert: einer Schweiz, in der nur noch wenige profitieren und der reale gesellschaftliche Zusammenhalt verloren geht.
Die grossen Sorgen: Wohnen, Missgunst, Regulierung, Entfremdung
Neben den Stärken wurden auch Sorgen sichtbar. Besonders intensiv wurden die hohen Mieten und der Wohnungsmarkt im Kanton Zürich disuktiert. Befürchtet wird, dass steigende Wohnkosten die soziale Durchmischung gefährden und gesellschaftliche Risse vertiefen. Auch Missgunst und mangelnde Anerkennung wurden aufgegriffen. Einige Teilnehmende nahmen wahr, dass Erfolge in der Wirtschaft nicht immer als gemeinsamer Gewinn gesehen werden, sondern auch Skepsis oder Neid auslösen können. Ebenfalls ein Thema war die Regulierung. Zwar werden Regeln als notwendig anerkannt, gleichzeitig wurde aber auch angemerkt, dass sie im Alltag oft als schwerfällig, bürokratisch oder unverhältnismässig erlebt werden. Besonders KMU scheinen darunter stärker zu leiden als grosse Unternehmen.
Zusammenleben im Kanton Zürich: Vielfalt erhalten, Austausch stärken
Für die Zukunft des Zusammenlebens im Kanton Zürich wurden verschieden Werte deutlich gemacht: Vielfalt, Solidarität, Lebensqualität, gute Infrastruktur und Austausch über soziale Grenzen hinweg. Die Teilnehmenden wünschten sich, dass unterschiedliche Menschen unterschiedlicher Herkunft nicht voneinander abgeschottet leben. Es brauche Begegnung zwischen Jung und Alt, zwischen verschiedenen sozialen Milieus, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und zwischen wirtschaftlichen «Bubbles». Gleichzeitig wurde betont: Freiheit bleibt wichtig. Menschen sollen ihre eigenen Lebenswelten haben dürfen. Aber sie sollen auch Gelegenheiten bekommen, diese zu verlassen und andere Perspektiven kennenzulernen.
Ein zuversichtliches Schlussbild: «Collective confidence»
Schliesslich verdichtete sich vieles aus den Gesprächen in einem Begriff: collective confidence. Gemeint ist nicht blosse Zufriedenheit, sondern ein gemeinsames Vertrauen in die Fähigkeit, Herausforderungen zusammen zu bewältigen. Trotz aller Sorgen überwog am Ende ein vorsichtiger Optimismus: Es gibt Offenheit für Lösungen, Dialogbereitschaft und den Wunsch, gemeinsam neue Wege zu finden. Genau darin liegt der Wert solcher Townhall-Formate, befanden die Teilnehmenden und genossen im Anschluss an die Diskussion zusammen einen wunderbaren Apéro riche.