Coface sieht in Deutschlands Insolvenzkrise Risiken für die Schweiz

Zürich - Deutschlands schwächelnde Wirtschaft wird laut Coface durch die steigenden Energiepreise besonders hart getroffen. 2025 sind die Insolvenzen zum dritten mal in Folge zweistellig gestiegen und dürften sich 2026 kaum erholen. Diese Situation stellt für die Schweiz ein grosses Risiko dar.

(CONNECT) Die Insolvenzen in Deutschland sind 2025 zum vierten Mal in Folge angestiegen und haben den höchsten Wert seit 2014 erreicht. Der Kreditversicherer und Risikomanager Coface weist in einer Analyse darauf hin, dass sich diese Situation durch den Iran-Konflikt verschärfen werde und für die Schweiz Risiken mit sich bringe. Coface beruft sich auf jüngste Daten des statistischen Bundesamtes, wonach die Insolvenzen nach einem Wachstum von jeweils 22 Prozent in den Jahren 2023 und 2024 im letzten Jahr um 10 Prozent gestiegen sind. Am stärksten betroffen waren das Baugewerbe, der Gross- und Detailhandel sowie das Gastgewerbe. In einer proportionalen Betrachtung stellt sich für 2025 die Branche Transport und Lagerung als anfälligster Sektor heraus. 

Unter anderen Umständen hätte es als positives Signal gelten können, dass gleichzeitig ein Rückgang bei grossen Insolvenzen und der hierdurch erwarteten Schäden beobachtet wurde. Zudem hatte zu Jahresbeginn ein breit angelegtes Unterstützungspaket der Regierung die Aussichten aufgehellt. Doch der Krieg im Iran verändert die Situation drastisch: Er destabilisiert die Lieferketten, lässt Energiekosten steigen, drückt auf den Konsum und die Stimmung der Unternehmen. 

Coface sieht insbesondere die Gefahr höherer Kapitalkosten für Unternehmen. Preissteigerungen könnten die Inflation nach oben treiben und die EZB dazu bewegen, den Leitzins zu heben. Die Bedingungen zur Vergabe von Krediten hatten die Banken seit 2023 bereits kontinuierlich verschärft, was laut Coface Grossunternehmen besonders zu spüren bekommen haben. Die Fachleute erwarten, dass der Bank Lending Survey BLS Ende April für das erste Quartal weitere Einschränkungen zeigen wird, die es Unternehmen sowie Haushalten erschweren, einen Kredit abzuschliessen. 

Diese Entwicklung steht im Kontext sinkender Gewinne bei den 40 grössten börsenkotierten Unternehmen Deutschlands, die in den vergangenen Wochen Zahlen für 2025 vorgelegt haben. Laut Coface sind deren Gewinne kaufkraftbereinigt um 25 Prozent im Vergleich zu 2021 gesunken. 

Die Fachleute sehen Deutschland im Licht des Iran-Konflikts erst recht mit einem nicht mehr funktionierenden Geschäftsmodell konfrontiert. Dieses basierte bislang zentral auf zwei Aspekten: erstens auf dem nun weggefallenen günstigen Zugang zu fossilen Energieträgern aus Russland; zweitens auf starken Exporten nach China und in die USA, die 2025 sogar im zweistelligen Prozentbereich gesunken sind. Bereits seit der Covid-19-Krise ist kein reales Wachstum mehr zu beobachten, heisst es. In diesem Kontext erscheinen die steigenden Energiepreise erst recht als problematisch. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in Deutschland hängt zu 20 Prozent von der Industrie und hier von einem relevanten Teil von energierelevanten Sektoren ab. Die strukturelle Anfälligkeit ist hoch: Fossile Brennstoffe machen nach wie vor 40 Prozent des deutschen Strommixes aus. Die Fachleute betonen, dass dieser Faktor Deutschland gemeinsam mit Italien zu den am stärksten exponierten Ländern in Westeuropa macht.

Insofern die Strasse von Hormus bald geöffnet wird, dürfte das BIP laut der Analyse mit 0,8 Prozent um 0,2 Prozent weniger stark wachsen als angenommen. In Bezug auf die Inflation wird eine Steigerung um 0,4 Prozent auf 2,4 Prozent erwartet. 

Für die Schweizer Wirtschaft ist laut Coface-Experte Markus Kuger die Entwicklung der Deutschen Wirtschaft entscheidend. Der Coface-Chefvolkswirt für die DACH-Region betont, dass 15 Prozent aller Importe 2025 aus Deutschland stammten, 11 Prozent aller Exporte gingen ins Nachbarland. Zum Vergleich: Die USA sind für 15 Prozent verantwortlich. Zudem steht auch die Schweiz momentan Problemen gegenüber. Im letzten Jahr stiegen die Insolvenzen um 50 Prozent. Auch wenn diese in einer Veränderung in der Gesetzeslage (SchKG) begründet sind, ist die Anzahl von 9‘300 Insolvenzen im Vergleich zu 24‘000 im weitaus grösseren Deutschland bemerkenswert hoch. 

Auch Schweizer Unternehmen müssen mit höheren Preisen für fossile Brennstoffe arbeiten; Konsumentinnen und Konsumenten im Land sowie die stark exportorientierte Wirtschaft sind von der geopolitischen Lage verunsichert. Auch wenn ein Anstieg der Zinsen laut Markus Kuger in der Schweiz unwahrscheinlich erscheint, ist sie dennoch von der potenziellen Inflation und Zinserhöhung im Euroraum betroffen. 

Bis dato konnten Schweizer Unternehmen auf eine exzellente Zahlungsmoral Deutscher Partner bauen, doch laut der Coface’s 2025 Payment Study verschlechtert sich diese zusehends. „Schweizer Unternehmen sollten im Jahr 2026 das Zahlungsverhalten von Unternehmen mit Sitz in Deutschland aufmerksam beobachten und ihre Forderungen absichern“, betont Markus Kuger. ce/ug

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