Fünf Fragen an Gustav Baldinger, CEO PwC Switzerland

«Attraktivität in Bildung, Business und Lebensqualität ist entscheidend für die Gewinnung der besten Talente. Gezielte Zuwanderung bleibt ein wichtiger Baustein zur schnellen Entlastung.»

PwC begleitet Unternehmen durch Regulierung, Transformation und Risiken. Welche drei Standortfaktoren entscheiden aus Ihrer Sicht in den nächsten Jahren darüber, ob der Kanton Zürich international mithalten kann? 

Zürich muss seine Stärken als führender Innovationsstandort weiter ausbauen: Die Schweiz ist das innovativste Land der Welt, davon sollte auch der Kanton Zürich profitieren. Das gelingt nur durch gezielte Investitionen in Bildung und Forschung statt Einsparungen. Zudem braucht Zürich einen attraktiven Lebensraum, um internationale Talente anzuziehen und zu halten. Ein unternehmensfreundliches regulatorisches Umfeld und steuerliche Attraktivität sind ebenso entscheidend, damit Zürich als globaler Hotspot erhalten bleibt. Nur im Zusammenspiel dieser Faktoren bleibt der Standort wettbewerbsfähig. 

Viele Firmen nennen den Fachkräftemangel als Engpass – und der demografische Druck nimmt zu. Welche Massnahmen bringen aus Ihrer Sicht am schnellsten Wirkung: bessere Ausschöpfung des inländischen Potenzials, gezielte Zuwanderung, Automatisierung oder etwas anderes?

Der Fachkräftemangel zeigt sich besonders bei KMU, während grosse Unternehmen vermehrt KI und Technologie nutzen, um Mitarbeitende zu entlasten. Die nachhaltigste Lösung liegt daher in der Stärkung der Berufsausbildung, um inländische Potenziale besser zu fördern. Gleichzeitig muss Zürich als innovativer Standort für Hightech, Robotik und digitale Transformation gestärkt werden. Attraktivität in Bildung, Business und Lebensqualität ist entscheidend für die Gewinnung der besten Talente. Gezielte Zuwanderung bleibt ein wichtiger Baustein zur schnellen Entlastung.

Künstliche Intelligenz hält in Finance, Industrie und Verwaltung Einzug. Wo sehen Sie in der Schweiz aktuell das grösste Produktivitätspotenzial – und wo die grössten Governance-Lücken?

Das grösste Produktivitätspotenzial liegt heute im Back- und Mid-Office spezifisch in Finanzen, HR und Marketing, wo KI Prozesse optimiert und bessere Analysen liefert. Auch im Frontbereich, etwa im Relationship Management grosser Banken, entstehen neue Chancen durch KI-gestützte Research-Tools. Allerdings müssen Governance-Fragen zu Haftung, Datenschutz und Transparenz dringend adressiert werden. Vertrauen in KI setzt Nachvollziehbarkeit von Eingaben und Ergebnissen voraus.

Der internationale Steuer- und Regulierungsdruck steigt (OECD, Reporting, Compliance). Wie gelingt es, Rechtssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit zu verbinden, ohne dass die Bürokratie zur Standortbremse wird?

Regulierung sollte zielgerichtet und nur dort erfolgen, wo sie tatsächlich notwendig ist. Entscheidend ist der richtige Zeitpunkt, um neuen Standards wie beispielsweise OECD-Vorgaben oder Nachhaltigkeitsanforderungen zu folgen. Der Kanton Zürich steht im aktiven Dialog mit Unternehmen und dem Bund, und sollte eine führende Rolle einnehmen, Empfehlungen aussprechen und eine klare Meinung vertreten. So entsteht ein Gleichgewicht: Rechtssicherheit für Firmen ohne unnötige Bürokratie, die Innovationen und internationalen Wettbewerb nicht blockiert.

In der Steuerpolitik hat sich zuletzt gezeigt, dass die Bevölkerung Grossunternehmen kritisch gegenübersteht. Wie kann der Finanzplatz Zürich Vertrauen schaffen und seine Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft besser vermitteln?

Vertrauen entsteht durch verlässliche und transparente Regelkonformität sowie ein verantwortungsbewusstes Risikoverhalten der Unternehmen. Natürlich ist es wichtig, Krisen zu vermeiden und den Kontakt zur Bevölkerung zu pflegen, um die gesellschaftliche Akzeptanz zu stärken. Der Finanzplatz muss seine Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft klar kommunizieren sowie mit Politik und Wissenschaft partnerschaftlich zusammenarbeiten. Zudem können Schweizer Werte («Swissness») im Management ein positives Image stärken.

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