«Wohlstand ja, Wirtschaft nein?» – die Leitfrage des Morgens war bewusst zugespitzt. Denn genau darin liegt der Befund der neuen Umfrage: Die Zürcherinnen und Zürcher anerkennen mehrheitlich, dass die Wirtschaft ein zentraler Pfeiler der Gesellschaft ist und wesentlich zur hohen Lebensqualität beiträgt. Gleichzeitig bleibt die Unterstützung für klassische wirtschaftspolitische Anliegen wie tiefere Steuern oder weniger Regulierung verhalten. Und besonders stark beschäftigen die Bevölkerung die Kehrseiten eines erfolgreichen Standorts: hohe Mieten, steigende Lebenshaltungskosten und belastete Infrastrukturen.
Zum Auftakt machte Raphaël Tschanz, Direktor der Zürcher Handelskammer, klar, weshalb die Debatte gerade jetzt wichtig ist. Die Zeiten seien unsicherer geworden, die Herausforderungen grösser – und gleichzeitig wachse die Distanz zwischen Wirtschaft und Bevölkerung. «Wir müssen wieder stärker zusammen denken, was zusammengehört: Wachstum und Lebensqualität», lautete seine Botschaft.
Ambivalente Einstellung gegenüber der Wirtschaft
Die analytische Grundlage lieferte Luc Zobrist, Leiter Volkswirtschaft des Amts für Wirtschaft des Kantons Zürich. Seine Präsentation zur repräsentativen Bevölkerungsumfrage zeichnete ein differenziertes Bild. Einerseits ist die Grundstimmung gegenüber der Wirtschaft positiv. Andererseits ist der Anteil jener gewachsen, die der Wirtschaft kritischer gegenüberstehen. Zobrist verwies darauf, dass sich das schon länger abgezeichnet habe – etwa in Abstimmungsresultaten. Pointiert formulierte er: «Es gibt weltweit wohl kaum ein attraktives Wirtschaftszentrum, das nicht mit den gleichen Problemen kämpft: hohe Mieten, steigende Lebenshaltungskosten und überlastete Infrastruktur.» Gerade darin liege aber auch die politische Schwierigkeit: «Die von der Bevölkerung wahrgenommenen Probleme decken sich nicht – oder nur teilweise – mit denen der Wirtschaft.»
Besonders aufschlussreich war dabei die Ambivalenz, die sich in den Umfragedaten zeigt. Viele sind stolz auf die internationale Ausstrahlung der Zürcher Wirtschaft, gleichzeitig wünschen sich fast ebenso viele eine weniger internationale Wirtschaft. Auch grosse Unternehmen geniessen nur begrenzte Anerkennung, obwohl sie für Arbeitsplätze, Wertschöpfung, Innovation und Steuerkraft zentral sind. Bemerkenswert, um nicht zu sagen irritierend ist das Resultat zur Frage, ob die Zürcher Wirtschaft auch ohne grosse internationale Unternehmen erfolgreich wäre. 44 Prozent der Befragten bejahen diese Frage, 7 Prozent geben an, darauf die Antwort nicht zu kennen. Mehr als die Hälfte der befragten sieht also keinen besonderen Wert darin, dass der Standort Zürich grosse internationale Unternehmen beherbergt – ein Warnsignal.
Das Fazit aus der Präsentation war deshalb ebenso nüchtern wie folgenreich: Zürich profitiert von einem starken Wirtschaftsstandort, aber genau jene Rahmenbedingungen, die diesen Erfolg ermöglichen, finden in der Bevölkerung nur begrenzt Unterstützung.
«Es braucht eine positive Vision der Wirtschaft»
In der anschliessenden Einordnung brachte Michael Settelen, Leiter Volkswirtschaft der Zürcher Handelskammer, die Befunde auf eine politische und kommunikative Ebene. Er sprach von einer «Entfremdung zwischen Wirtschaft und Bevölkerung». Die Anliegen der Wirtschaft stünden auf der Sorgenliste vieler Menschen weit unten – auch weil es der Schweiz nach wie vor gut gehe. «Unser Wohlstand ist selbstverständlich geworden», hielt er fest. Gerade im Kanton Zürich sei zudem die Identifikation mit «der Wirtschaft» schwieriger als anderswo: Wo vor allem Dienstleistungen statt sichtbare Produkte dominieren, entstehe weniger Stolz und weniger emotionale Bindung. Auch angesichts zunehmender äusserer Herausforderungen war sein Schluss entsprechend klar: «Es braucht wieder eine positive Vision der Wirtschaft – mit positiven Stories und proaktiven Lösungen für die Wachstumsschmerzen.»
Durch das Panel führte Andreas Schürer, der die Diskussion immer wieder auf die Kernfrage zurücklenkte, wie wirtschaftliche Stärke und breite Akzeptanz politisch wieder näher zusammenfinden können.
Mit den Weltmarkführern vergleichen – nicht mit Halbstarken
Beatrix Frey-Eigenmann, Partnerin und Mitglied der Geschäftsleitung Federas Beratung AG, Verwaltungsrätin und Alt-Kantonsrätin, zeigte sich zunächst positiv überrascht über die solide wirtschaftsfreundliche Grundhaltung in der Umfrage. Doch sie warnte davor, daraus Selbstzufriedenheit abzuleiten. «Die Wirtschaft muss sich aktiv in die Lösung der Probleme der Bevölkerung einbringen», sagte sie. Zugleich benannte sie einen grundsätzlichen Widerspruch in der politischen Debatte: «Viele kämpfen für ihre eigenen Interessen, ohne das Gesamtbild im Blick zu haben.» Als Beispiel nannte sie den gleichzeitigen Wunsch nach mehr Leistungen und tieferen Kosten. Politik funktioniere heute oft über Bauchgefühl und einfache Parolen, während Erfolgsgeschichten und komplexe Zusammenhänge es schwerer hätten.
Marc von Waldkirch, CEO von Sensirion, richtete den Blick auf den internationalen Wettbewerb. Sein Votum war eines der pointiertesten des Morgens: «Wir vergleichen uns mit Halbstarken – mit Deutschland, Frankreich oder Europa im Allgemeinen –, nicht mit den Weltmarktführenden aus Asien oder den USA.» Die eigentliche Frage sei nicht, wo die Schweiz heute stehe, sondern wohin der Trend zeige. Grossunternehmen seien in der öffentlichen Debatte häufig die Projektionsfläche für alles Negative in der Wirtschaft. Umso wichtiger sei es, auch jene Firmen sichtbar zu machen, die zwar gross, aber nahbar und innovativ seien – ebenso wie die Verbindungen zwischen technologischer Spitzenleistung, Unternehmertum und konkretem Nutzen für den Standort.
Markus Diem Meier setzte bei der öffentlichen Kommunikation an – und bei der Frage, warum marktwirtschaftlicher Erfolg so oft politisch angreifbar wird. Er griff ein Zitat von Joseph Schumpeter auf: «Der Kapitalismus kann nicht überleben, weil er erfolgreich ist.» Seine Diagnose für die Schweiz fiel entsprechend scharf aus: «Die Schweiz feiert eine Party am Abgrund.» Gemeint war damit die Tendenz, die eigene Verwundbarkeit zu unterschätzen und die internationalen Verflechtungen des Landes auszublenden. Zugleich plädierte Diem Meier für eine offensivere Kommunikation: «Wir müssen aggressiver werden in der Kommunikation, nicht nur defensiv reagieren.» Fortschritt und Wohlstand entstünden aus der Wirtschaft – und genau das müsse wieder klarer gesagt werden. Besonders wichtig sei es, «die Verknüpfung von KMU und Grossbetrieben stärker zu betonen» und in einer schnellen Medienwelt zuerst jene Botschaften zu setzen, bei denen die Fakten eindeutig auf der Seite der Wirtschaft lägen. Denn die Faktenlage, so Diem Meier, spreche eindeutig für wirtschaftsfreundliche Lösungen.
Erklären, wie Wohlstand entsteht
So ergab sich aus Referat, Einordnung und Diskussion ein roter Faden: Die Zürcher Bevölkerung steht der Wirtschaft nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber. Aber sie erlebt die Folgen eines erfolgreichen Standorts im Alltag oft direkter als die Voraussetzungen dieses Erfolgs. Wohnungsknappheit, hohe Kosten und Druck auf die Infrastruktur sind sicht- und spürbar. Steuerbelastung, Regulierung oder internationale Wettbewerbsfähigkeit wirken demgegenüber abstrakter. Wer den Standort stärken will, muss deshalb besser erklären, wie Wohlstand entsteht – und gleichzeitig glaubwürdig aufzeigen, wie die Probleme eines wachsenden und attraktiven Kantons gelöst werden können. Oder anders gesagt: Der Standort braucht eine neue, überzeugende Sprache für das, was ihn stark gemacht hat – und für das, was getan werden muss, damit Wohlstand und Lebensqualität auch künftig zusammengehen.